Lost Vegas, Reise­dokumen­tation

Über Lost Vegas

Lost Vegas ist eine Reisedokumentation, die meine Reisen nach Las Vegas 2010, 2013 und 2015 dokumentiert. Während die Bilder nach einem Tageszeitenprinzip sortiert sind wird nicht aufgelöst wann diese Bilder fotografiert wurden. Lost Vegas ist eine freie Arbeit und zeigt einen kleinen Ausschnitt der Unorte Las Vegas’. Schon auf meiner ersten Reise fand ich abseits von Strip und Glitzerwelt diese Perlen der Ödheit, die mich letztendlich so faszinierten, dass ich – wohl oder übel – noch zweimal wiederkam; bis jetzt.

About Lost Vegas

Lost Vegas is a travel documentation documenting my travels to Las Vegas in 2010, 2a013 and 2015. While the images are sorted according to a time-of-day principle, it is not resolved when these pictures were photographed. Lost Vegas is a free work and shows a small section of the unread Las Vegas’. Already on my first trip, I found, off the strip and it’s glittering world these pearls of the ostentation, which finally fascinated me so that I – willy-nilly – came back twice; until now.

Mein erster Stopp in Las Vegas im April 2010 war wohl eher Mittel zum Zweck. Las Vegas lag auf unserer Route, wir waren auf dem Weg von Denver nach Los Angeles, und irgendwo musste man ja halten um zu übernachten. Damals mussten wir schon größere Teile unserer Reise absagen, weil wir wegen Aschewolken über Island erst einige Tage später nach Amerika kamen und schon nicht in Utah halten konnten, ohne unsere Reservierung in Vegas zu stornieren. Über einen guten Deal auf irgendeiner Restposten-Hotelzimmer-Website waren wir im Trump Tower im Fashion Drive ganz in der Nähe des Strips gelandet und dachten, man müsse die Vergnügungsmeile so richtig auskosten, wenn man schon mal da ist. Als wir vom Interstate kamen, legte sich die gesamte Pracht des Hotels vor uns aus. Von Weitem sahen wir den goldenen, im Sonnenlicht glitzernden Turm mit seinen 64 Stockwerken, die Vorfreude war schon groß, vor allem als dem Valet Boy einen Zehner in die Hand drückten um unseren Ford in einem nahe gelegenen Parkhaus unterzubringen. Der Trump Tower selbst lag erstmal absolut über unserer Erwartung, da das Resort über kein Casino verfügt und man es von hier aus ganz entspannt angehen lassen kann. Gesagt getan. Und so kam es, dass wir uns gleich ins Getümmel stürzten, ich aber nach nicht mal einem halben Tag total gelangweilt war, denn: Alle erwarteten Klischees, die ich im Vorfeld gehört hatte, hatten sich natürlich zu 100% bestätigt.
Es wäre vermutlich unmöglich, diese artifizielle und mittlerweile über hundert Jahre alte Umgebung zu beschreiben, wenn man auf Klischees verzichten müsste: Käseweiße Ostküstenbewohner, die zum Spaßurlaub machen in die Wüste kamen, alle sonnenverbrannt in Dreiviertelhosen und weißen Tennisschuhen, immernoch oder schon wieder besoffen, quälten sich schon mittags über den Strip und warteten förmlich auf die Happy Hour; buy one, get one. Und damit die Zeit schneller vergeht, schoben sie sich von Casino zu Casino und manchmal eben in eine Mall oder in irgendein Replika von Paris oder Venedig um Urlaub vom Urlaub zu machen und vielleicht, um zuhause erzählen zu können, dass man richtig was erlebt hat, Selfies mit barbusigen Animateurinnen auf dem Gehweg inklusive. Manchmal und vor allem jetlagbedingt waren wir morgens um halb 8 in den Casinos, um die verbrauchten, kettenrauchenden Mittvierzigerinnen anzusehen, sich am einhändigen Banditen stützend, ihr Kleingeld vervielfachten, um es dann wieder zu verlieren; so weit, so gut. Abends kein anderes Bild, allerdings hatte man die Dad Sneaker durch Loafers ersetzt.

My first stop in Las Vegas back in April 2010 was rather a means to an end. Las Vegas was on our route, we were driving from Denver to Los Angeles and we had to stop at least somewhere to get a good night’s sleep. Back in the day, we had to cancel bigger parts of our trip due to a volcanic eruption and a resulting ash cloud over Iceland. That meant arriving several days later and we had to skip Utah to not lose our reservation in Vegas due to cancellation. We made a great deal on any given left-off hotel-room website and found ourselves in the Trump Tower right next to the Strip and thought we had to make the most out of the so-called pleasure mile, at least as long as we had been there.

Coming from the Interstate the complete splendor of the hotel unfolded. We watched the golden 64-story tower that glittered in the sunlight from afar, and the anticipation was pleasant, especially as we gave a ten-dollar-note to the valet boy to park our car in some car park nearby. The Trump Tower turned out to be above expectations, because the resort has no casino and one can start things easy from here. Said and done. And so it happened that we entered the fray, but after about half a day I had enough: Of course all chlichés had been 100% true.

It might be impossible to describe this artificial and by-now 100-year-old surrounding and abandon all its clichés: East coast residents as white as a sheet, who came out to the desert for a fun holiday, all sunburnt in clamdiggers and white tennis sneakers, still or already drunk, struggling over the Strip over lunchtime, almost waiting for Happy Hour; buy one, get one. And to pass the time they shoved themselves from casino to casino and sometimes in a mall or any given replica of Paris or Venice to get away from vacation and to tell everybody at home, that they really got somewhere, selfies with bare-naked showgirls included. Sometimes and mostly due to jetlag we spent our mornings in the casinos to watch all the mid-forty wifes back against the one-armed bandits, winning coins and losing them at the same time; so far so good. The evenings didn’t give us a different picture, however the sneakers were changed to loafers.

Wässrige Freigetränke, frische, noch warme Zwanzig-Dollar-Noten und der Wille dazu zu gehören, auch mal abschalten können, ich habe es versucht, es hat mir nicht gefallen. Ich fühlte mich fehl am Platz, trotz blitzenden, blinkenden Lichtern, Kitsch und all diesem Überdruss, den man erst mal faszinierend finden kann, bevor man irgendetwas anderes macht. Aber ein Tagesmarsch in den nördlichen “Arts District” der Stadt eröffnete uns dann noch eine ganz andere Perspektive. Ich wusste von Downtown, wusste von der Fremont Street, allerdings wusste ich nicht, dass dort mit so viel Leerstand das genaue Gegenteil des South Las Vegas Blvd, also dem so genannten “Strip”, dieser Straße von großer nationaler Bedeutung (ausgezeichnet vom National Scenic Byway Program im Jahre 2000), existiert. Dass hier wirklich Menschen in Stripnähe wohnen und vor allem, dass man das Sichtbarwerden von zeitlichem Verfall hier nicht stoppen kann. In der schnellstwachsenden Stadt der Welt steht Gestern und Heute innerhalb von wenigen Kilometern eng aneinander gedrängt. Wesentlich ältere, nicht mehr so herausgeputzte und viel mehr kaum erkenntliche Hotels, Motels, Casinos und Pawn Shops erstrecken sich über viele Blocks und zeigen, was von der Zeit ein- und überholt wurde.

Ein Morast aus Beton und zerbrochenen Neonröhren offenbarte uns die wunderbare Tristesse dieses Ortes, die mich je her fasziniert. Nach einer ursprünglichen Reise 2010 konnte ich 2013 und 2015 weitere Eindrücke sammeln von dem, was mich so begeisterte: In all den zerbrochenen Flächen, die sich näher und ferner abseits vom Strip und der Vergnügungsmaschinerie befanden, sah ich das, was vor allem die Vergänglichkeit dieses künstlich angelegten Ortes Las Vegas zeigen.

Watery drinks for free, fresh and still warm double saw-bucks and the will to be part of it all, to unwind… I tried it and I didn’t like it. I felt misplaced, even with flashing, blinking lights, kitsch and all the overload one can find fascinating before you can even think about it. One day we made a daycation to the cities northern “arts district” and unfolded another perspective. I knew about Downtown, knew Freemont Street, but what I didn’t know was that they had so much vacancy and served as almost the complete opposite of the South Las Vegas Blvd, the so called Strip, this street of great national importance (as distinguished by the National Scenic Byway Program back in 2000). That people actually live in close vicinity to the Strip and especially that no one could stop the appearance of decay. The worlds’ fastest-growing city has the past and the present packed on the space of a few kilometers. Hotels, motels, casinos and pawn shops show the essentially older old Vegas that is trying hard to be dolled up but caught and outdated over time.

A swamp of concrete and broken neon pipes revealed the wonderful tristesse of this place to us that fascinated me since then. After an initial vacation in 2010, I came back in 2013 and 2015 to catch more glances of what really impressed me: In all the broken sites nearer and further of the strip and their entertainment machinery I found the impermanence of what this artificially created Las Vegas showed me.

Teilweise bin ich sogar zu den exakt gleichen Hotels gegangen, um zu sehen, ob und was sich verändert hat. Sei es in den frühen Morgenstunden, während der brütenden Hitze am Mittag oder gegen Abend. Auch wenn sich Abend für Abend 100.000 Touristen an mehr als 130.000 Slot Machines in der glitzernden Oase von Las Vegas aufhalten, so gibt es auch einen unerheblichen Teil der Stadt, der einfach in der Zeit stehen geblieben scheint. Irgendwo verortet in Seitenstraße und Bungalowpark. Der Teil, der überholt wurde von neuen Interessen und zurückgelassen von denen, die dort sind, um Profit zu machen. So entwickelt sich der Las Vegas Strip ständig weiter, dort wird ständig gebaut, erneuert, alles ist vorübergehend.

Aber einige Querstraßen weiter scheint der Zustand permanent. Von diesen Motiven ist ein Teil in diesem Buch wiedergegeben und lädt zu einen imaginären Tagestrip ein: Willkommen in Lost Vegas.

In some cases, I even went back to the hotels I already visited to see whether or not anything had changed. No matter if early morning, at broiling noon or in the late hours. And when 100,000 tourists play on more than 130,000 slot machines in the glittery haven of Las Vegas, there seems to be a significant part of it stuck in time. Somewhere located between back alley and trailer park. The part that was overtaken and left behind by the interests of those who make a profit. So the Vegas strip always develops, will always be renewed and rebuilt, everything is temporary.

But some crossroads further the condition seems permanent. Some of those subjects are reproduced on the following pages and invite to an imaginary day trip: Welcome to Lost Vegas.

Projektdetails

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Erscheinungsjahr

Year

2016

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200 × 265